Swisspower | Flexibilitätsmanagement: Wie Stadtwerke davon profitieren

Flexibilitätsmanagement: Wie Stadtwerke davon profitieren

Flexibilitätsmanagement ist längst viel mehr als die Vermarktung von Regelenergie – nämlich ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Den Stadtwerken bietet es die Chance, Kosten zu senken und Zusatzerträge zu erwirtschaften. Wie das geht, erklären Orlando Gehrig, Leiter Kooperationen & Innovation von Swisspower, und Paul Hugentobler, Geschäftsführer Technik bei der Optimatik AG.

Swisspower führt derzeit ein Projekt zum Flexibilitätsmanagement durch. Worum geht es dabei?

Orlando Gehrig: Im Rahmen unseres Schwerpunkts Smart Energy untersuchen wir gemeinsam mit sechs Stadtwerken, wie sie Flexibilitäten nutzen können – welche Potenziale und Business Cases sich ergeben. Dabei betrachten wir nicht nur Anlagen im Strombereich wie Fotovoltaikanlagen und Batteriespeicher. Vielmehr richten wir unseren Blick sektorübergreifend auch auf Blockheizkraftwerke, Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge. Und wir schauen, welche verschiedenen IT-Lösungen fürs Flexibilitätsmanagement bereits bestehen und in welche Richtung sie sich entwickeln.

Die zeitlich flexible Einspeisung und Entnahme von Energie ist nichts Neues – Stichwort Regelenergie. Wie funktioniert Flexibilitätsmanagement in Zukunft?

Paul Hugentobler: Der Smart-Meter-Roll-out ermöglicht erstmals ein Flexibilitätsmanagement in die Breite: Unzählige Anlagen lassen sich als Flexibilitäten intelligent einsetzen. Wir haben über ein Dutzend Anwendungsfälle identifiziert. Es geht also längst nicht mehr nur um Regelenergie.

Welche Arten von Anwendungsfällen sind das?

Paul Hugentobler: Eine erste Kategorie bilden die netzdienlichen Anwendungen. Dazu gehört etwa das Peak Shaving, um die Kosten gegenüber dem vorgelagerten Netzbetreiber zu senken. Energieseitige Anwendungsfälle sind eine zweite Kategorie. Hier kann das Ziel zum Beispiel lauten, die Kosten für die Ausgleichsenergie zu senken. Eine dritte Art von Anwendungen betrifft den Energiehandel. In diesem Bereich dient das Flexibilitätsmanagement dazu, die Flexibilitäten zu vermarkten und den dadurch erwirtschafteten Ertrag zu optimieren.

Paul Hugentobler, Geschäftsführer Technik, Optimatik AG
Paul Hugentobler, Geschäftsführer Technik, Optimatik AG
«Es ist zentral, die positiven Effekte der Sektorkopplung aufs Flexibilitätsmanagement auszuschöpfen.»
Wie unterstützt das Flexibilitätsmanagement die Transformation des Energiesystems?

Paul Hugentobler: Es bildet einen wichtigen Baustein dafür. Netzseitig dient es dem NOVA-Prinzip – Netzoptimierung vor -verstärkung vor -ausbau – und senkt somit die Investitionen, die durch die Dezentralisierung der Energieproduktion entstehen. Energieseitig hilft es, die immer stärker schwankende Produktion in den Griff zu kriegen. Sowohl beim Netz als auch bei der Energie ist es zentral, die positiven Effekte der Sektorkopplung aufs Flexibilitätsmanagement auszuschöpfen. Die Sektorkopplung zählt zu den Schlüsselelementen der Energiewende.

Wie sieht das Projekt von Swisspower zum Flexibilitätsmanagement aus?

Orlando Gehrig: Nach einer Einführungsphase sind wir zurzeit daran, Businessmodelle und Use Cases zu erarbeiten. Dabei geht es um technische Fragen und Systemlösungen, Ertragspotenziale, Investitionen und laufende Kosten sowie um die Frage, welche Aufgaben die teilnehmenden Stadtwerke allein anpacken und welche besser gemeinsam. Mit den bis Ende Jahr vorliegenden Resultaten können die Stadtwerke fundierte Entscheidungen zur Strategie beim Flexibilitätsmanagement treffen – und zwar abgestimmt auf die eigene Situation.

«Beim Flexibilitätsmanagement lohnt es sich, Synergien zu nutzen und gemeinsame Lösungen zu realisieren.»
Welche ersten Erkenntnisse bringt das Projekt zutage?

Paul Hugentobler: Das Potenzial des Flexibilitätsmanagements variiert von Stadtwerk zu Stadtwerk stark. Es hängt von mehreren Faktoren ab, etwa von der Anzahl Flexibilitäten, vom Ausbaustand der Kommunikationsinfrastruktur und von den fürs jeweilige Netzgebiet definierten rechtlichen Möglichkeiten, Flexibilitäten zu steuern. Zudem sehen wir, dass nicht für alle Anwendungsfälle der Smart Meter oder das Leitsystem als Schnittstelle funktioniert. Rund ums Thema Integration der Flexibilitäten ins smarte Energiesystem gibt es darum noch einiges zu klären.

Orlando Gehrig: Zwei weitere wichtige Erkenntnisse: Erstens besteht ein sehr unterschiedlicher Handlungsbedarf zum Flexibilitätsmanagement. Bei einigen Stadtwerken zeichnen sich durch die stärker fluktuierenden Energien schon erste Engpässe im Netz ab. Andere sehen noch gar keine Dringlichkeit zu handeln. Zweitens zeigt sich, dass nur die wenigsten Stadtwerke über die nötigen Ressourcen für einen Alleingang verfügen. Stattdessen lohnt es sich, beim Flexibilitätsmanagement Synergien zu nutzen und gemeinsame Lösungen zu realisieren.