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Der Krieg gegen die Ukraine zeigt: Wir müssen das Erdgas schnell durch grüne Gase ersetzen

Die Abhängigkeit von importierter Energie aus Russland ist gefährlich für die Schweiz. Wir brauchen deshalb dringend eine Diversifikation unserer Energiebeschaffung und mehr Produktion im Inland. Zudem müssen wir die Energie effizienter einsetzen. Ein wichtiger Baustein für ein dezentrales und resilientes System liegt in WKK-Anlagen für Strom und Wärme.

Von Ronny Kaufmann, CEO Swisspower AG

Alte Männer erklären Kriege - und junge Männer, Frauen und Kinder sterben. Es ist erschütternd, wie das Selbstbestimmungsrecht der ukrainischen Bevölkerung mit Füssen getreten wird. Der Schweiz dient das Völkerrecht und das System der kollektiven Sicherheit mehr als der Gotthard. Ich war ziemlich perplex, als Russland die Ukraine angriff. Was das für die künftige Gasversorgung bedeutet, ist bis jetzt nicht klar. Wir müssen in Szenarien denken. In einem Worst-Case-Szenario liefert Russland keine fossilen Energieträger wie Gas, Kohle oder Öl mehr nach Europa. Die Branche und die Bundesverwaltung muss sich nun auf ein solches Krisenszenario und seine Auswirkungen vorbereiten – unabhängig von der Eintretenswahrscheinlichkeit.

Wie viel wir in zwei Jahren für Erdgas bezahlen, weiss heute niemand. Eines ist aber klar: Wir sollten weniger Erdgas und mehr grüne Gase verbrauchen.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dürfte mittelfristig Kunden dazu motivieren, vermehrt inländisches Biogas zu kaufen und alternative Heizlösungen in Erwägung zu ziehen - wie etwa den Anschluss an ein Fernwärmenetz oder die Installation einer Wärmepumpe. Wir sollten uns in der Schweiz über die Höhe des Eigenversorgungsgrades mit Gas und Strom verständigen. Wir müssen nicht nur klären, wie wir die fossilen Energieträger ersetzen können, sondern auch, wie wir die Importabhängigkeit und unseren Energieverbrauch verringern. Wir werden also viel mehr biogene Gase importieren müssen. Und mit einer All-Electric-Vision wird auch der Stromverbrauch – vor allem beim Verkehr – die Importmengen an die physikalischen Kapazitätsgrenzen bringen.

Ronny Kaufmann, CEO Swisspower AG
Ronny Kaufmann, CEO Swisspower AG
«Wir müssen aber entlang der Energiestrategie 2050 noch ein gutes Stück effizienter werden.»

Wir müssen den Umbau des Energiesystems in unserem Land beschleunigen und das Verbrennen von Öl sowie die Atomenergie hinter uns lassen. Die Transformation des Energiesystems muss investitionsfreudiger, mutiger und vernetzter geschehen. Wir müssen dezentraler und damit resilienter im Energiesystem selbst und zentraler in der Governance des Sektors werden. Die lokalen und kantonalen Eigentümerstrukturen der Energieversorger sorgen für Verantwortung und Qualität. Sie müssen aber noch deutlich an Tempo zulegen. Der Bund muss die neue Energiegesetzgebung demokratisch legitimieren. Das dauert und birgt Risiken.

Gemäss unserer Einschätzung und nach Rücksprache mit den Beschaffungsorganisationen sehen wir bisher keine roten Lämpchen für unsere kurzfristige Versorgungssicherheit mit Erdgas - auch wenn sich das schnell ändern kann. Nun geht es vor allem darum, genügend Gas für den nächsten Winter in den Lagern des europäischen Auslands zu speichern.

Wir müssen aber entlang der Energiestrategie 2050 noch ein gutes Stück effizienter werden. Nicht nur in der Industrie und bei den Unternehmen, sondern auch bei den privaten Kunden. Deshalb haben wir bei Swisspower gemeinsam mit den Services Industriels de Genève (SIG) ein Programm entwickelt, das wir schweizweit ausrollen wollen. Wir sind diesbezüglich mit dem Bundesamt für Energie in Gesprächen. Denn auf die möglichen Referenden zu energiegesetzlichen Rahmenbedingungen hin ist es ratsam, mit der Schweizer Bevölkerung frühzeitig einen Dialog zu starten.

Die Schweiz muss sich für einen zukunftsfähigen Gassektor mit Entladeterminals für verflüssigtes Erdgas (LNG) und mit Speichern auseinandersetzen. Ausserdem müssen wir mehr grüne Gase wie etwa Synthetic Natural Gas (SNG) und grünen Wasserstoff importieren und vermehrt grüne Gase selbst produzieren. Zusätzlich muss der Verbauch reduziert werden. Es bleibt die Tatsache, dass die für die Schweiz relevanten LNG-Terminals in kürzester Zeit ihre Kapazitätsgrenzen erreichen werden.

Wir benötigen mehr Photovoltaik-Stromproduktion im Winter, beispielsweise aus den Bergen, mehr Wasserkraft, mehr Windkraft. Wir sollten langsam daran denken, dass die noch in der Schweiz hergestellte Atomenergie nicht einfach dereinst importiert werden kann.

Wir benötigen eine grosse Strategie für Wärmekraftkopplungsanlagen (WKK) und entsprechende Fördermittel. Eine WKK-Strategie also, welche die Mittellast unterstützt und uns ermöglicht, die Wasserkraftspeicher zur Deckung der Spitzenlast einzusetzen. Mit diesen WKK-Anlagen können wir im Winter lokal Strom und zusätzlich Wärme produzieren. Diese WKK-Anlagen haben den Vorteil eines sehr hohen Wirkungsgrades von 90 Prozent. Ausserdem sind solche Anlagen leicht umrüstbar auf unterschiedliche Energiequellen wie beispielsweise Wasserstoff, Methanol oder Holzpellets.