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Energieeffizienz in den USA: 6 Learnings einer Studienreise

Wie steigern amerikanische Bundesstaaten und Städte die Energieeffizienz? Dieser Frage ging eine Schweizer Delegation aus Verwaltung, Forschung und Praxis auf einer Studienreise nach. Mit dabei war Orlando Gehrig, Leiter Kooperationen & Innovation von Swisspower. Dies sind seine sechs Erkenntnisse.

1. Grosse föderale und lokale Unterschiede
Unsere Reise hat eindrücklich gezeigt: Energiepolitik ist in den USA Sache der Bundesstaaten und nicht des Bundes. Die Energiestrategien und die Massnahmen unterscheiden sich von Staat zu Staat stark – und sogar zwischen den Städten eines Staates. Das widerspiegelt sich im Zustand der Energieinfrastruktur. Während sich diese in Schweizer Städten überall auf vergleichbar hohem Level befindet, variiert der Zustand in den amerikanischen Städten stark. Vorreiter bei der Energiepolitik bleibt Kalifornien. Wegen seiner Grösse und der wirtschaftlichen Stärke setzt dieser Bundesstaat Standards, welche die Angebote der Industrie beeinflussen und sich somit auch auf andere Staaten auswirken.

2. Hohe Bedeutung des Inflation Reduction Act
Im August 2022 unterzeichnete Präsident Joe Biden den Inflation Reduction Act. Das Bundesgesetz umfasst unter anderem Ausgaben von 391 Milliarden Dollar für eine nachhaltigere Energieversorgung und den Klimaschutz. Der Bund selbst realisiert aber keine Massnahmen. Darum kümmern sich die Bundesstaaten. Dieses riesige Förderprogramm ist allgegenwärtig: Jede Organisation, mit der wir auf unserer Reise sprachen, erwähnte es und sah Anknüpfungspunkte für die Finanzierung eigener Projekte. Die Erwartungen an den Inflation Reduction Act sind hoch. Eine starke Wirkung dürfte sich vor allem beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei der Modernisierung der Energieinfrastruktur und im Forschungsbereich einstellen.

Die Ziele der Studienreise

Das State Department lädt Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt regelmässig zu Austauschprogrammen in die USA ein. An der Studienreise der Schweizer Delegation in die drei Städte Baltimore, Boston und Washington nahmen unter anderem Vertreter von Swissgrid, Empa, BFE, Start-ups und Swisspower-Stadtwerken teil. Die Ziele lauteten, Einblicke in die Energiepolitik und den Energiemarkt der USA zu erhalten, neue Ideen und Impulse für die Energiewende in der Schweiz zu gewinnen, ein Netzwerk zu interessanten amerikanischen Akteuren aufzubauen und Möglichkeiten für gemeinsame Pilotprojekte auszuloten.

3. Tiefes Bewusstsein für Energieeffizienz
Es lässt sich nicht anders sagen: Energieeffizienz spielt in den USA bisher schlicht keine Rolle. Das zeigt sich unter anderem an den grossen Autos mit entsprechend hohem Verbrauch und der sichtbaren Energieverschwendung. Die auch an sonnigen Tagen laufenden Heizstrahler auf Terrassen von Restaurants sind nur ein Beispiel dafür. Immerhin gibt es Förderprogramme für die Gebäudedämmung – ähnlich den unseren in der Schweiz – und in einigen Städten Energiesparprogramme mit Reduktionszielen. Das Potenzial zum Energie sparen ist hoch. Denn Unternehmen und Haushalte starten beim Energieverbrauch auf hohem Niveau.

4. Belohnen statt bestrafen
Das Nein zum CO2-Gesetz in der Schweiz hat gezeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung mag keine Lenkungsinstrumente, die klimaschädliches Verhalten finanziell bestrafen, etwa eine Flugticketabgabe. Hier zeigt sich eine Parallele zu den USA. Auch die besuchten Bundesstaaten wollen Verhaltensänderungen mit dem Prinzip «Belohnen statt bestrafen» erreichen. Es besteht kein politischer Wille zu Lenkungsabgaben. Stattdessen wird energiesparendes Verhalten mit Tax Credits belohnt. Solche Steuergutschriften erhält unter anderem, wer sein Gebäude besser dämmt.

5. Gutes Umfeld für innovative Lösungen
In den USA befinden sich mehrere der weltweit führenden Forschungseinrichtungen für Technologielösungen. Dazu gehören unter anderem Boston University, Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Diese Spitzenforschung im Grossraum Boston macht sich deutlich bemerkbar: Die Innovationskraft dieser Hochschulen und ihrer vielen Spin-offs ist beeindruckend. Auf unserer Studienreise besuchten wir ein Spin-off des MIT, das in wenigen Jahren den ersten industriellen Fusionsreaktor bauen will. Solche ambitiösen Vorhaben lassen sich viel leichter vorantreiben als in der Schweiz. Während bei uns der fehlende Heimmarkt Investitionen schwierig macht, gibt es in den USA nicht nur genügend Investoren, sondern auch die richtige Einstellung: Boom or bust – probier’s einfach!

6. Trotz allem weitermachen
«Was bringt das alles?», könnte man sich als Schweizer Stadtwerk mit Blick auf die Energiewende fragen. Denn die Studienreise hat uns gezeigt: Ob sich der Klimawandel begrenzen lässt, hängt von riesigen Ländern wie den USA ab. Dass sie in vielen Punkten noch weniger weit sind als die Schweiz, ist ernüchternd. Gleichzeitig war die Reise eine Bestätigung: Wir sind auf dem richtigen Weg und müssen ihn unvermindert weitergehen. Viele amerikanische Staaten und Städte haben genau wie wir einen klaren Plan und sehen die Dringlichkeit zum Handeln. Gut möglich, dass sie – befeuert durch die reichlich fliessenden Fördergelder und den richtigen Mindset – rasch aufholen.

Konkrete Ideen für Pilotprojekte

Die Mitglieder der Schweizer Delegation haben bei der Studienreise zwei Ideen identifiziert, die sich für Pilotprojekte mit amerikanischen Partnern eignen könnten:

  • Da die Kehrichtverwertung in den USA noch kaum ein Thema ist, bietet sich ein binationaler Austausch zur Abwärmenutzung und zu Multi-Energy-Hubs an.
  • Das Spin-off Witricity des MIT arbeitet an induktiven Ladelösungen. Diese nutzen die autonome Einparkfunktion von immer mehr Autos. Das ermöglicht eine automatische Rotation beim Laden und macht somit weniger Ladepunkte erforderlich.

Swisspower Innovation prüft nun nächste Schritte für gemeinsame Projekte.