«Dieser Abstimmungskampf braucht die aktive Beteiligung der Swisspower Allianz»

So zahlreich die Herausforderungen der Stadtwerke, so breit hat sich Swisspower aufgestellt. Welche Schwerpunkte setzt CEO Ronny Kaufmann? Und welche nächsten Offensiven dürfen die Allianzpartner erwarten? Zeit für eine Standortbestimmung und einen Ausblick.

Ronny Kaufmann, wo steht Swisspower zurzeit?

Seit der Gründung im Jahr 2000 verfolgt Swisspower eine klare Mission: Wir wollen die Wettbewerbsposition unserer Aktionäre stärken, mit Kooperationsinitiativen gemeinsame Projekte vorantreiben, die Interessen der Stadtwerke wirkungsvoll vertreten und Dienstleistungen anbieten, die die Transformation des Energiesystems unterstützen. Bei all diesen Aufgaben sind wir auf einem guten Weg.


Woran machen Sie das fest?

In den letzten neun Jahren unter meiner Leitung von Swisspower haben wir zahlreiche Kooperationen realisiert und uns in verschiedenen Legislativprojekten wirkungsvoll eingebracht. Die letzte und wichtigste neue Gesetzgebung ist der Mantelerlass. Zudem konnten wir dank einer hohen Kundenzentriertheit unser Dienstleistungsportfolio massiv ausbauen. Ich gebe Ihnen drei Beispiele: Erstens dürfen wir die Stadt Kreuzlingen beim Erarbeiten ihrer Wärmestrategie begleiten. Zweitens hat uns das Bundesamt für Energie beauftragt, einen Trendradar zu realisieren – mit Fokus auf Digitalisierungstechnologien, die die Ziele der Energiestrategie vorantreiben. Und drittens haben im Dezember des letzten Jahres die Davoserinnen und Davoser grünes Licht gegeben für den Bau einer hochalpinen Solaranlage auf der Parsenn, für die Swisspower die Gesamtprojektleitung verantwortet.


Welche Schwerpunkte setzt Ihr Team derzeit?

Zu unseren Dienstleistungsschwerpunkten zählen unter anderem Wärmenetze, erneuerbare Stromproduktion in der Schweiz und Dienstleistungen im Bereich der Cyber-Sicherheit. Zusätzlich beraten wir Stadtwerke in strategischen Fragen, etwa zur Formulierung von Eigentümerstrategien oder zur Steigerung ihrer Innovationskraft. Einen weiteren Schwerpunkt legen wir auf Plattformen, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken – wie das im Frühling gegründete Frauennetzwerk «Women in Power».


Die Swisspower-Stadtwerke sind gut unterwegs zu den Zielen des Masterplans 2050 und somit Richtung Netto-Null. Wo sehen Sie noch die grössten Herausforderungen auf diesem Weg?

Die nächste Geländekammer ist die Definition eines CO2-Reduktionspfades für jedes einzelne Stadtwerk. Damit meine ich nicht die Frage, ob Strom mit Wasserkraft oder mit Sonne produziert wird. Vielmehr geht es um den CO2-Ausstoss im betrieblichen Alltag: wie die Mitarbeitenden zur Arbeit kommen, wie ihre Arbeitsbekleidung produziert wird und welcher CO2-Fussabdruck im Beton des neuen Werkhofs steckt. Bei solchen Emissionen stehen einige Stadtwerke noch vor grossen Herausforderungen, um bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Je näher wir dem Jahr 2050 kommen, desto teurer wird die Vermeidung jeder weiteren Tonne CO2. Es bietet sich also für die Stadtwerke an, jetzt gemeinsam mit der Swisspower-Allianz den Reduktionsweg gemäss Scope 1 bis 3 des Greenhouse Gas Protocol zu beschreiten. Mit entsprechenden Angeboten werden wir bald auf die Stadtwerke zugehen.

«Je näher wir dem Jahr 2050 kommen, desto teurer wird die Vermeidung jeder weiteren Tonne CO2.»


Seit Kurzem ist klar: Die Bevölkerung wird über den Mantelerlass abstimmen. Wie lässt sich dieser Abstimmungskampf gewinnen?

Es schleckt keine Geiss weg: Wir brauchen genügend Mittel, um diesen Abstimmungskampf zu gewinnen. Ich bin diesbezüglich im engen Kontakt mit dem VSE, der das alles gut koordiniert. Wir müssen jene Bevölkerungsschichten ansprechen, die sich noch keine Meinung gebildet haben. Diese Abstimmung birgt denn auch die grosse Chance, dass mit einer deutlichen Mehrheit an der Urne die Legitimation für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 stark zunimmt. Das Risiko einer Ablehnung beurteile ich aber als erheblich. Viele Bürgerinnen und Bürger haben andere, unmittelbare Sorgen. 2050 ist einfach eine Zahl – weit weg in der Zukunft. Es wird also auch an uns Stadtwerken liegen, mit unseren Kundinnen und Kunden in den Dialog zu treten für ein erneuerbares Energiesystem der Zukunft.


Was erwarten Sie hier von den Stadtwerken?

Bisher taten sich Energieunternehmen in öffentlichem Besitz eher schwer damit, Abstimmungskampagnen personell und finanziell zu unterstützen. Doch dieses neue Gesetz ist von grosser Bedeutung für die weitere Transformation des Energiesystems. Deshalb steht für mich fest: Dieser Abstimmungskampf braucht die aktive Beteiligung der Swisspower Allianz. Ich spreche da auch die Eigentümer der Stadtwerke an, die Städte selbst. Sie sollten sich explizit und hörbar zur Vorlage äussern.


Wie geht es beim Mantelerlass nun weiter?

Die Volksabstimmung dazu findet voraussichtlich Mitte 2024 statt. Bereits im ersten Quartal werden die Verordnungen zum neuen Gesetz publiziert. Wir werden sie im Detail studieren: um den genauen Gesetzestext auf Verordnungsstufe richtig zu verstehen, die adäquaten Botschaften für den Abstimmungskampf festzulegen und mit Dienstleistungen im Rahmen dieses neuen Gesetzes die Transformation weiter zu beschleunigen. Swisspower wird den Allianzpartnern und weiteren Energieunternehmen entsprechende Angebote unterbreiten.