energate: Herr Kaufmann, im neuen Jahr starten die LEG in der Schweiz. Welche Erwartungen haben Sie an das Modell aufgrund der Erfahrungen mit dem LEGhub?
Kaufmann: Hinter dem LEGhub steht ein leistungsstarkes Team. Es wurden in kurzer Zeit bereits rund 300 LEG gegründet. Ich glaube, die Nachfrage nach dem Modell wird steigen, da es Solarproduzenten ermöglicht, ihren Strom zu einem gesicherten Preis abzusetzen. Das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die variablen Rückvergütungen ein wichtiger Punkt. Wie stark sich LEG allerdings etablieren können, hängt vor allem vom Dialog zwischen den Stadt- und grösseren Gemeindewerken mit ihren Kundinnen und Kunden ab. In kleineren Gemeinden kennt man sich. In einem urbanen Zentrum dagegen ist die Anonymität viel höher. Wenn ein Stadtwerk aktiv LEG gründet und bewirbt, kann das sehr vieles möglich machen.
energate: Um zu den Anreizen für die PV-Produzenten zurückzukommen: Rechnen Sie damit, dass die Mindestvergütung wegfällt?
Kaufmann: Sie darf auf jeden Fall nicht so bleiben wie heute. Das haben wir auch im Rahmen unserer Stellungnahme zum Stromabkommen festgehalten. Die Mindestvergütung müsste angesichts der Marktpreise variabel sein. Ich finde es persönlich auch keine gute Idee, eine künftige Mindestvergütung über den Netzzuschlagsfonds zu finanzieren. Sommerstrom zu fördern, macht immer weniger Sinn. Es sollte die Produktion von Winterstrom und die saisonale Speicherung von Strom im Zentrum von Förderregimen stehen.
energate: Laut der LEGhub-Nutzerin Eniwa war die Zahl an Zugriffen bisher ansprechend, das tatsächliche Interesse an der Gründung der LEG aber bescheiden. Wann wird das Wachstum anziehen?
Kaufmann: Das hängt wie erwähnt davon ab, wie stark die Energieversorger die LEG im Dialog mit ihren Kunden positionieren. Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz kennen doch diese Möglichkeit noch gar nicht. Ich gehe davon aus, dass wir bereits im ersten Halbjahr 2026 steigende Zahlen zu LEG-Gründungen sehen werden.
energate: Gibt es eine Zielgruppe, auf welche die LEG besonders zugeschnitten sind?
Kaufmann: Zuvorderst stehen aus meiner Sicht städtische Quartiere, die erst durch den Energieversorger überhaupt zueinander finden. Zweitens gibt es Hauseigentümer mit viel Dachfläche und Überschussproduktion, die nicht an herkömmliche oder virtuelle Zusammenschlüsse (ZEV/vZEV, die Redaktion) zum Eigenverbrauch angeschlossen werden können, aber trotzdem untereinander Strom handeln wollen. Drittens gibt es denkmalgeschützte Gebäude, die gerne eine PV-Anlage installieren würden, aber das nicht dürfen. Mit einer LEG könnten sie den Strom etwa von einem Bauernhof in der Gemeinde beziehen. Allgemein wären ländliche Gemeinden prädestiniert für LEG.
energate: Haben Sie keine Anfragen von diesen Gemeinden erhalten?
Kaufmann: Doch, wir haben verschiedene Anfragen von Gemeinden erhalten. Wir sind aber darauf angewiesen, dass der lokale Netzbetreiber eine LEG zulässt oder besser noch bereits mit seiner Netztopologie am LEGhub angebunden ist. Wenn eine Gemeinde eine LEG realisieren will, ist der Verteilnetzbetreiber also der erste Ansprechpartner.
energate: Swisspower vertritt vor allem die Stadtwerke. Wie zufrieden sind Sie mit deren Engagement?
Kaufmann: Sehr zufrieden! Wir haben bereits rund 40 Partner, bestehend aus Stadtwerken, aber auch kleinen und mittelgrossen ländlichen Versorgern, beim LEGhub und wir werden weiterwachsen. Ich bin begeistert, wie sich zum Beispiel das Stadtwerk Winterthur mit dem LEGhub positioniert.
energate: Ein Nachteil am aktuellen LEG-Modell scheint aus Sicht von Stromproduzenten die Beschränkung auf dieselbe Netzebene zu sein. In diesem Zusammenhang ist ein Vorstoss im Parlament hängig. Wie wird er sich auf die Attraktivität des Modells auswirken?
Kaufmann: In erster Linie richten sich LEG an Solarproduzenten, und für sie ist diese Beschränkung kein Hindernis. Der Vorstoss erhofft sich vor allem auch eine verstärkte Akzeptanz von lokalen Windkraftanlagen, wenn sie sich in die Gemeinschaften einbinden lassen. Das muss sich erst zeigen. Die grösste Hürde für die LEG ist nicht technischer Natur. Erst wenn alle wissen, was LEG sind, wird das ein Erfolgsmodell. Dann lohnt es sich, über weitere Entwicklungen zu reden. Wenn ich das nötige Budget dafür hätte, würde ich jetzt Werbung im Schweizer Fernsehen für LEG schalten.
energate: Die Rückmeldungen deuten aus Sicht von energate darauf hin, dass die Versorger ZEV und vZEV als Modelle attraktiver finden als LEG.
Kaufmann: Für diejenigen, welche diese beiden Möglichkeiten nutzen können, ist die Aussage vermutlich richtig. Nur lassen sie sich eben an ganz vielen Orten nicht realisieren. Für ZEV, vZEV und LEG bestehen unterschiedliche Perimeter. Das war auch von Anfang an die Idee: eine Zusammenarbeit in unterschiedlichen Räumen zu schaffen.
energate: Was würden Sie Produzenten raten, die unsicher sind in Bezug auf die Gründung einer LEG - zuzuwarten, dass sich die Rahmenbedingungen ändern oder sich trotz der Vorbehalte zu engagieren?
Kaufmann: Auf dem LEGhub eine LEG zu eröffnen und einfach mal zu schauen, was passiert. Man ist mit wenigen Klicks dabei und kann als Solarproduzent sein Angebot an die potenziellen Abnehmer platzieren.
von Yves Ballinari, energate (Link zum Artikel)