«Besonders in den Städten braucht es mehr öffentliche Ladestationen»

Vor wenigen Tagen fand in Frankfurt die Internationale Automobilausstellung (IAA) statt. Mehrere Hersteller kündigten Elektromobilitätsoffensiven an. Grund genug, sich bei Ivo Brügger, Leiter Business Development von Energie Wasser Bern, nach dem aktuellen Stand der Elektromobilität zu erkundigen.

Seit Langem wird der Durchbruch der Elek­trofahrzeuge prophezeit. Wo steht die Elek­tromobilität heute?

Die künftigen CO2-Zielwerte begünstigen die Markt­durchdringung der Elektromobilität. Denn mit Verbrennungsmotoren allein erreichen die Her­steller diese Vorgaben nicht. Deshalb investieren die meisten stark in neue Plattformen für Autos mit Elektromotoren. In einer Übergangsphase sind das vor allem Hybride, damit sich die Käuferinnen und Käufer an die neue Technologie gewöhnen können. Im Bereich der Infrastruktur treten laufend neue Electric Mobility Provider (EMP) und Charging Point Operator (CPO) in den Markt. Deshalb steigt die Zahl der Ladestationen und weiterer Angebote zur Elektromobilität rasch. Zudem gibt es immer mehr Zugangs- und Abrechnungssysteme, die aber erfreulicherweise zum grössten Teil über Roa­mingdienste oder sogar direkt miteinander vernetzt sind. So können Fahrerinnen und Fahrer von Elek­troautos die meisten Ladestationen auch nutzen, wenn sie nur bei einem Ladenetzwerk Kunde sind.

Wie schätzen Sie die Ankündigungen der Hersteller an der IAA zur Elektromobilität ein?

Ich beobachte zwei Sorten von Herstellern: Die einen lancieren Elektroautos aus Überzeugung, weil sie an den Durchbruch der Elektromobilität glauben. Die anderen verfolgen keine strategischen Ziele damit und springen nur auf den Zug auf, um ihre Flottenemissionen zu senken und dadurch hohe Strafzahlungen zu vermeiden. Viele dieser Produzenten haben die Entwicklung bisher verschlafen. Was ebenfalls auffällt: Anders als bei früheren Ausstellungen haben die Hersteller an der IAA fast keine Studien mehr präsentiert, sondern vor allem seriennahe Fahrzeuge.

Wie muss sich die Elektromobilität weiterentwickeln, um die Dominanz des Verbrennungs­motors zu beenden?

Die Hersteller müssen in allen Fahrzeugklassen und für alle Kundensegmente Elektroautos anbieten – bezahlbar und mit alltagstauglicher Reichweite. Weiter braucht es die Bereitschaft der Impor­teure und der Händler, sich mit dieser neuen Technologie zu befassen und die Fahrzeuge aktiv zu verkaufen. Natürlich ist auch ein flächendeckendes Netz von Ladestationen erforderlich. Der Zugang muss sehr einfach und mit allen gängigen Zahlungsmitteln möglich sein. Strom zum Laden – besonders zertifizierter Ökostrom – sollte einen Preis haben. Ich bin gegen die Abgabe von Gratisstrom an Ladestationen.

Welche Rolle spielen die Stadtwerke?

Eine wichtige Rolle bei der Kundenberatung und im Infrastrukturaufbau. Die meisten Elektroautos in der Schweiz werden zwar zu Hause geladen. Doch im Versorgungsgebiet der Stadtwerke sieht die Situation anders aus. Denn ein grosser Teil der städtischen Bevölkerung parkt das Auto in der blauen Zone oder auf einem gemieteten Parkplatz ohne Lademöglichkeit. Wenn auch diese Kunden der Stadtwerke elektrisch unterwegs sein sollen, braucht es viel mehr öffentliche Ladestationen.

Energie Wasser Bern beteiligt sich an der MOVE Mobility AG, die Sie ab Dezember 2017 führen werden. Was ist das Ziel dieser Beteiligung?

Primäres Ziel ist, alle Aktivitäten für die Elektromobilität mit nationalem Charakter in einer separaten Firma zu bündeln. Um die Elektromobilität auch schweizweit voranzubringen und dabei Synergien zu nutzen, haben wir und weitere Partner die Kompetenzen in der neuen Firma MOVE Mobility AG zusammengelegt. Ein zweites Ziel der Beteiligung lautet, die bestehende Dachmarke MOVE zu stärken, die aufgrund ihrer Bekanntheit ein grosses Potenzial bietet. Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos können sich an der Marke national orientieren und finden regional Zugang zu Ladestationen und den dazugehörigen Dienstleistungen.