«Das künftige Marktdesign muss das Potenzial der Sektorkopplung berücksichtigen»

Im November 2017 hat das BFE mehrere Studien veröffentlicht, die das künftige Strommarktdesign der Schweiz betreffen. Wie er die Resultate einschätzt und wie sich Swisspower bei den Diskussionen zum Marktdesign einbringt, erläutert Jan Flückiger, Leiter Public Affairs von Swisspower.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse der Studien, die das BFE in Auftrag gegeben hat?

Jan Flückiger: Erstens zeigen sie auf, dass die Integration der Schweiz in den europäischen Strommarkt wichtig ist für die Versorgungssicherheit – eine Position, die Swisspower im Masterplan Energiezukunft schon lange vertritt. Eine zweite Erkenntnis lautet, dass die Schweiz gesamthaft gesehen kein Kapazitätsproblem hat und deshalb auch kein Kapazitätsmechanismus nötig ist. Empfohlen wird stattdessen eine strategische Reserve.

Wie beurteilen Sie diese zweite Erkenntnis?

Die Gleichung «kein Kapazitätsmechanismus, weil kein Kapazitätsproblem» greift zu kurz. Bei einem Kapazitätsmechanismus geht es nicht nur darum, übers ganze Jahr betrachtet die nötige Kapazität zur Verfügung zu stellen, sondern auch gewisse Energiemengen zu gewissen kritischen Zeiten. Die Idee einer strategischen Reserve erachten wir als grundsätzlich richtig. Sie muss aber technologieoffen sein, damit auch kleinere, dezentrale Kapazitäten sowie flexible Verbraucher dazu beitragen können. Und sie muss durch andere Komponenten ergänzt werden. Konkret geht es darum, Anreize für Investitionen in einheimische, erneuerbare Produktion zu schaffen und damit generell die Importabhängigkeit zu verringern. Zudem birgt eine strategische Reserve gewisse Risiken bei der Umsetzung: Wenn die Marktteilnehmer wissen, dass es eine strategische Reserve gibt, können sie sich einerseits risikoreicher verhalten und andererseits gewisse Kapazitäten zurückhalten, um den Preis für eigene strategische Reserven hochzutreiben.

Wie schätzen Sie die Studien generell ein?

Methodisch haben wir daran nichts zu bemängeln. Aber sie verwenden gewisse Prämissen, die man hinterfragen kann. So gehen die Autoren davon aus, dass die Schweiz voll in den europäischen Strommarkt integriert ist und die Nachbarländer auch in Zeiten von Knappheit immer genügend Strom in die Schweiz liefern – beides sehr optimistische Annahmen. Eine weitere Prämisse: Mögliche Engpässe würden auf einem funktionierenden Markt automatisch Investitionen auslösen. In der Realität dauern Ausbauprojekte allerdings viel zu lange, um kurzfristige Engpässe zu entschärfen. Vor allem aber kritisieren wir, dass bei den aktuellen Vorschlägen des BFE praktisch nur die Versorgungssicherheit im Fokus steht, während die Ziele der Energiestrategie 2050 und die Klimaziele in den Hintergrund rücken. Bezieht man diese mit ein, kann das Rezept gegen eine Stromknappheit nicht einfach der Import sein, weil der europäische Strom stark CO2-belastet ist.

Welche weiteren Überlegungen bringt Swiss­power in die politische Diskussion zum Marktdesign ein?

Das künftige Marktdesign muss auch die grossen Potenziale der Sektorkopplung berücksichtigen. Die Stadtwerke als Querverbundunternehmen sind prädestiniert, hierbei eine entscheidende Rolle zu spielen.  Ich denke an das intelligente Zusammenspiel der verschiedenen Netze und an alle Arten von Spei­chern. Speicherseen allein reichen für die saisonale Speicherung nicht aus. Neuen Technologien wie Power-to-Gas und Power-to-Heat wird eine grosse Bedeutung zukommen, um überschüssige Energie aus erneuerbarer Produktion vom Sommer in den Winter zu verlagern. Dazu müssen die verschiedenen Technologien gleichbehandelt werden, wenn es um die Entlastung von den Netzkosten geht. Weiter werden wir dafür plädieren, den Regelenergiemarkt effizienter zu gestalten. Er muss die richtigen Anreize schaffen, in weitere Produktionskapazitäten – auch dezentrale –, in Speicherlösungen und in die intelligente Verbrauchssteuerung zu investieren.

Energieministerin Doris Leuthard spricht davon, den Strommarkt möglichst bald vollständig zu öffnen …

Die Stadtwerke brauchen sich vor dem Wettbewerb nicht zu verstecken. Aber eine Marköffnung können wir nur akzeptieren, wenn die verschiedenen Player gleich lange Spiesse haben. Das würde zum Beispiel heissen, den stark CO2-belasteten Strom entsprechend zu bepreisen – mit Hilfe einer CO2-Abgabe oder einer differenzierten Energieabgabe. Parallel dazu muss ein fertig verhandeltes, gutes Stromabkommen mit der EU vorliegen.

Wie läuft der Prozess ab, um die Position von Swisspower zum Marktdesign zu erarbeiten?

Seit November beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe aus Teilnehmern verschiedener Stadtwerke mit dem Thema. Sie hat zuerst die Ziele für ein künftiges Marktdesign definiert, dann verschiedene Modelle daran gemessen und nun versuchen wir, die besten Ansätze verschiedener Modelle zu kombinieren und mit eigenen Vorschlägen zu ergänzen. Das Resultat wird ein Positionspapier sein, das zu allen Aktionären in die Vernehmlassung geht und schliesslich auch vom Verwaltungsrat verabschiedet werden soll. Die konsolidierte Swisspower Position werden wir dann intensiv in die politische Diskussion einbringen – sei es in der Öffentlichkeit, bei unseren Partnerverbänden wie dem VSE und natürlich bei Verwaltung, Bundesrat und Parlament.