Swisspower | «Manchmal fühle ich mich wie auf dem Rangierbahnhof»

«Manchmal fühle ich mich wie auf dem Rangierbahnhof»

Die Technischen Betriebe Kreuzlingen heissen seit Kurzem Energie Kreuzlingen. Direktor Guido Gross erklärt, was er sich vom neuen Marktauftritt erhofft und wie sein Unternehmen mit den vielen Herausforderungen in der Energiebranche umgeht.

Warum haben Sie sich für ein Rebranding entschieden?

Es gibt gleich mehrere Gründe. Erstens haben wir uns vor einiger Zeit am Kundenbindungsmonitor von Swisspower beteiligt und aufgrund der Resultate erkannt, dass Handlungsbedarf besteht. Vor allem die Gewerbekunden nehmen uns nicht gemäss unserer angestrebten Positionierung wahr ­­– sie sehen uns nicht als progressives, ökologisch ausgerichtetes Unternehmen. Zweitens verstärkte der Name Technische Betriebe den Eindruck, wir seien ein rein technischer Brand. Doch wir erfüllen viel breitere Aufgaben. Dies treffender abzubilden, ist der Kern des neuen Auftritts. Drittens haben wir von der neuen Eignerstrategie eine neue Unternehmensstrategie und eine Marketingstrategie abgeleitet. Während dieses Prozesses erkannten wir: Ein eigenständigerer Auftritt hilft uns dabei, unsere Ziele zu erreichen. Die neue Marke unterstreicht unsere Markt- und Kundennähe sowie unser Engagement für eine nachhaltige Energiezukunft. Nun geht es darum, unser Versprechen als Team im Alltag einzulösen. Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung meistern.

Stichwort Herausforderung: Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten kommenden Herausforderungen für kleine und mittlere Stadtwerke?

Es ist die extreme Dynamik unserer Branche: die energiepolitischen Entscheidungen, die neuen Regulierungen, die technologischen Fortschritte und obendrauf – als Teil des technologischen Wandels – noch die Digitalisierung. Diese Kombination fordert uns als kleines Stadtwerk enorm heraus. Denn unsere wichtigste Aufgabe bleibt der sichere Netzbetrieb im regulierten Bereich, und in diesem Bereich können wir unsere Kapazitäten nicht einfach aufstocken. Im Marktbereich wiederum erodieren die Margen.

Innovationen lassen sich vor allem dann realisieren, wenn sie konform sind mit der Energiestrategie 2050. Als Führungsteam müssen wir uns also genau überlegen, welchen Weg wir einschlagen. Manchmal fühle ich mich wie auf dem Rangierbahnhof: Wir haben ständig Weichen zu stellen. Doch die beste Fahrrichtung ist schwer einzuschätzen. Einige politische Entscheide sorgen dafür, dass uns plötzlich die Fahrt aufs Abstellgleis droht. Dann müssen wir sofort schauen: Können wir das Gleis noch schnell wechseln, bevor wir auf den Prellbock zurollen? Gleichzeitig ist dieser Veränderungsprozess aber sehr spannend und bietet uns auch Chancen.

Welche Rolle spielen dabei Kooperationen?

Einige Veränderungen packen wir allein an – vor allem jene Themen, bei denen die lokalen Eigenheiten Synergien mit anderen Energieunternehmen erschweren. Doch vieles können wir nicht selbst bewältigen. Deshalb spielen Kooperationen für uns schon länger eine wichtige Rolle. Regional arbeiten wir eng mit den beiden Swisspower-Stadtwerken Thurplus und Technische Betriebe Weinfelden zusammen sowie mit den Energieunternehmen von Amriswil und Bischofszell. Auf nationaler Ebene sind wir seit Langem an Swisspower beteiligt. Kooperationen ermöglichen uns, Skaleneffekte zu nutzen und dadurch unsere Ressourcen zu schonen. Zudem wird es angesichts der bevorstehenden neuen Aufgaben immer wichtiger, einen Teil der Prozesse auszulagern.

Energie Kreuzlingen engagiert sich intensiv bei Swisspower Innovation. Wie profitieren Sie davon?

Wir erhalten einen Überblick über neue Innovationsthemen und setzen uns damit auseinander. Der Austausch mit anderen Stadtwerken hilft uns auch bei Entscheidungen – Stichwort Rangierbahnhof. Ein Beispiel: Beim Thema Eigenverbrauch sind wir noch unsicher, welches der richtige Weg ist. Um eigene ZEV-Dienstleistungen aufzubauen, fehlen uns die Kapazitäten und die Systeme. Das Praxismodell für Verteilnetzbetreiber haben wir abgebildet und mit digitalen Verträgen – ein Swisspower-Projekt – erweitert. Doch ist das längerfristig ein sinnvolles Modell? Hier profitieren wir von den Erfahrungen anderer Stadtwerke, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigen. Gleichzeitig merken wir: Uns mit Innovationen auseinanderzusetzen, genügt nicht. Wir müssen sie finanzieren können und auf den Boden bringen. Hier stossen wir an unsere Grenzen. Deshalb habe ich zum Team von Swisspower Innovation auch schon gesagt: Gebt nicht zu viel Gas!

Auf welche Innovationen fokussieren Sie sich zurzeit?

Auf jene, die den Kundinnen und Kunden den grössten Mehrwert bieten und gleichzeitig zu unserem Grundauftrag passen. Das sind meistens Verbundthemen in Kombination mit der Digitalisierung, zurzeit etwa die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Mehrfamilienhäusern und Smart-Energy-Angebote. Mit Gesamtlösungen können wir den Kundinnen und Kunden einen echten Nutzen bieten. Allerdings sind gerade solche Lösungen oft beratungsintensiv. Darum bieten private Unternehmen wie zum Beispiel Installateure diese selten an. Bewährte White-Label-Produkte anderer Stadtwerke können hier Abhilfe schaffen, wenn wir sie lokal geschickt aufsetzen. Die Kundinnen und Kunden sollen den Eindruck erhalten, ein Kreuzlinger Produkt zu wählen. Denn sie wünschen sich uns als ihren Partner und Anbieter.

Wie stärken Sie die Innovationsfähigkeit Ihres Unternehmens?

Entscheidend sind die Mitarbeitenden. Deshalb müssen wir als Arbeitgeber gute Rahmenbedingungen für Innovation schaffen, in die Weiterbildung investieren und die Mitarbeitenden auf den Weg der Veränderung mitnehmen. In unserem Leitbild ist verankert, dass das ganze Team so handelt, als ob Energie Kreuzlingen unser eigenes Unternehmen wäre. Um Innovationen voranzubringen, brauchen wir zudem das lokale Gewerbe. Wir versuchen daher, die Betriebe stärker anzubinden und zu Beteiligten unserer Innovationsprojekte zu machen.