Wärmeversorgung für Kreuzlingen und Konstanz: Eine gute Idee kennt keine Grenzen

Wie entstehen die besten Lösungen? Mit den richtigen Partnern. Deshalb will Energie Kreuzlingen gemeinsam mit der deutschen Nachbarstadt Konstanz eine grenzüberschreitende Wärmeversorgung aufbauen – und hat zur Unterstützung das Consulting-Team von Swisspower ins Boot geholt. Die bisherigen Erkenntnisse aus dem Projekt sind auch für andere Stadtwerke interessant.

Als Energiestadt Gold verfolgt Kreuzlingen das Netto-Null-Ziel. Doch heute wird in der Stadt am Bodensee zu mehr als drei Vierteln mit fossilen Energien geheizt. Um dies zu ändern, sah der kommunale Richtplan zunächst eine All-Electric-Strategie vor: Alte fossile Heizungen sollten durch Wärmepumpen abgelöst werden.

Energie Kreuzlingen erhielt den politischen Auftrag, diese Transformation der Wärmeversorgung voranzutreiben. Weil das Stadtwerk dafür über zu wenig Ressourcen verfügte, zog es einen bewährten Partner bei: «In solchen Fällen müssen wir nicht lange überlegen – Swisspower ist immer unsere erste Anlaufstelle», sagt Beat Pretali, Projektingenieur bei Energie Kreuzlingen. So unterstützte das Consulting-Team von Swisspower die Stadt Kreuzlingen bei der Neuausrichtung und Ausarbeitung der Wärmeversorgungsplanung.

 

All-Electric-Strategie zu riskant

Dabei zeigte sich: Eine All-Electric-Strategie wäre nicht zielführend. «Sie würde einen starken Ausbau des Stromnetzes mit hohen Investitionen erfordern und die Wärmeversorgung nur noch auf eine Säule abstützen – angesichts der Winterstromproblematik ein zu grosses Risiko», sagt Mauro Montella, Senior Consultant bei Swisspower.

Stattdessen entwickelten Energie Kreuzlingen und Swisspower die Idee eines grenzüberschreitendes Wärmeversorgungskonzepts. Gemeinsam mit der deutschen Nachbarstadt Konstanz könnten zwei regionale und erneuerbare Wärmequellen erschlossen werden: Seewasserwärme aus dem Bodensee und die Abwärme der neuen KVA Thurgau, die 2031 in Betrieb geht.

 

Grosse Synergien durch Kooperation

Ein solches Zusammengehen liegt nahe: «Trotz der Landesgrenze sind Kreuzlingen und Konstanz ein Siedlungsraum und arbeiten schon heute in vielen Bereichen eng zusammen», sagt Mauro Montella. «Zudem könnte Kreuzlingen die Abwärme der neuen KVA Thurgau nicht im Alleingang nutzen. Denn dafür wird eine rund 20 Kilometer lange Wärmetransportleitung von Weinfelden nach Kreuzlingen und Konstanz nötig. Diese lässt sich nur wirtschaftlich betreiben, wenn beide Städte von der KVA Wärme beziehen.»

Weil das erarbeitete Wärmeversorgungskonzept neben den beiden Städten auch den Verband KVA Thurgau und die EKT AG überzeugte, gaben die vier Partner gemeinsam eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Swisspower übernahm wiederum den Lead und die Koordination.

 

Wärmelösung technisch und wirtschaftlich machbar

Die Studie kam zu Schluss: Die Seethermie aus dem Bodensee und die Wärme aus der KVA Thurgau reichen für die Wärmeversorgung in den dicht bebauten Quartieren von Kreuzlingen und in den Konstanzer Stadtteilen links des Rheins. Einzig in den Randgebieten mit geringerer Wärmedichte braucht es ergänzend erneuerbare Einzellösungen. 

Ein weiteres wichtiges Resultat der Studie: Die grenzüberschreitende Wärmeversorgung lässt sich wirtschaftlich betreiben und ist preislich wettbewerbsfähig. Allerdings will die Stadt Kreuzlingen laut Beat Pretali die hohen Investitionen nicht komplett selbst stemmen: «Wir suchen Partner, die sich erstens finanziell beteiligen und uns zweitens im technologischen Bereich verstärken.»

Wo steht das Projekt derzeit?

In den nächsten Etappen des Projekts werden die wichtigsten Eckpunkte weiter geschärft und ein Vorprojekt erarbeitet, damit die zwei Städte und die weiteren Partner anschliessend verbindlich über die Wärmelösung entscheiden können.

«Bei uns in Kreuzlingen ist die Zielnetzplanung schon abgeschlossen: Wir wissen genau, welche Leitungen wir wo, in welcher Dimension und bis wann bauen müssen», sagt Beat Pretali von Energie Kreuzlingen. «Auch den Standort für die Wärmeübergabezentrale haben wir bereits gesichert. Diese muss frühzeitig bereitstehen und wird vorübergehend mit einer anderen Wärmequelle betrieben, damit wir interessierten Hauseigentümer:innen schon vor Inbetriebnahme der KVA eine Übergangslösung für die zentrale Wärmeversorgung anbieten können. Nur so gelingt es uns, rasch einen Kundenstamm aufzubauen.»

Die bisherigen Erkenntnisse aus dem Projekt

Von den Erfahrungen aus dem grenzüberschreitenden Projekt können auch andere Stadtwerke profitieren, die die städtische Wärmeversorgung transformieren. Dies sind die Empfehlungen von Beat Pretali und Mauro Montella:

  • Rasch vorwärtsmachen: Angesichts des hohen Planungsaufwands und der vielen Abhängigkeiten drängt die Zeit, um die Wärmeversorgung bis 2050 klimaneutral zu machen. Wer als Stadtwerk mit diesem Umbau noch nicht ernsthaft begonnen hat, sollte dies jetzt nachholen.
  • Ganzheitlich denken: Die Dekarbonisierung ist ein interdisziplinäres Thema. Deshalb sollte eine Wärmestrategie einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und zum Beispiel von Anfang an die Auswirkungen auf die Stromversorgung berücksichtigen.
  • Die Industrie einbeziehen: Grosse Unternehmen haben oft spezielle Bedürfnisse – benötigen etwa Prozesswärme mit hohen Temperaturen oder Dampf – und haben besondere Anforderungen an die Versorgungssicherheit. Für sie hat die Dekarbonisierung massive Auswirkungen auf die Produktion. Deshalb sollten sie frühzeitig ins Projekt involviert werden, um passende Lösungen zu finden. Eine mögliche Lösung in Kreuzlingen: WKK-Anlagen im Umfeld von Industriebetrieben als Ergänzung zu Abwärme und Seethermie.
  • Die passende Rechtsform wählen: Die Prozesse und Kompetenzregelungen von Stadtverwaltungen sind für die Umsetzung eines solchen Generationenprojekts zu wenig geeignet. Deshalb kann es sich lohnen, eine eigene juristische Gesellschaft dafür zu gründen. Die Stadt Kreuzlingen bereitet diesen Schritt derzeit vor, der selbstverständlich noch durch eine Volksabstimmung bestätigt werden muss.
  • Auf Augenhöhe kommunizieren: Ein Projekt dieser Art mit mehreren Beteiligten kommt besser voran, wenn keiner der Partner eine stärkere Position einnimmt, sondern alle Beteiligten auf Augenhöhe kommunizieren. Eine neutrale Projektleitung und Bauherrenberatung, wie sie Swisspower anbietet, fördert eine solche Kultur, die sich am gemeinsamen Erfolg orientiert.
««Die externe Begleitung dieses Generationenprojekts durch die Fachpersonen von Swisspower ist für uns sehr wertvoll. Denn sie kennen und verstehen sowohl die Bedürfnisse von uns Stadtwerken als auch unser Umfeld.» Beat Pretali, Projektingenieur bei Energie Kreuzlingen»