Swisspower: Herr Emmenegger, Sie gehörten vier Jahre lang der Geschäftsleitung von Stadtwerk Winterthur an, bevor Sie zu ewz wechselten. Was hat Sie nun dazu bewegt, nach Winterthur zurückzukehren?
Martin Emmenegger: Ich arbeitete schon während meiner ersten Zeit bei Stadtwerk Winterthur sehr gerne im Unternehmen, weil ich es mitgestalten konnte. Nun hat es mich gereizt, die Gesamtverantwortung zu übernehmen – gerade angesichts der vielen Themen, mit denen wir uns beschäftigen. Denn Stadtwerk Winterthur ist nicht nur Versorgungs-, sondern auch Entsorgungsdienstleisterin. Wir halten die Stadt Winterthur am Laufen.
Zur Person
Martin Emmenegger ist gelernter Elektromonteur und legte die Prüfung zum eidgenössisch diplomierten Elektroinstallateur ab. Auf den Abschluss zum Elektroingenieur FH (Fachhochschule) an der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) folgten Weiterbildungen zum Wirtschaftsingenieur und Energiewirtschafter. Zuletzt war er Geschäftsbereichsleiter Netze und Mitglied der Geschäftsleitung bei ewz (Elektrizitätswerk der Stadt Zürich).
Welche Themen packen Sie als Direktor von Stadtwerk Winterthur mit hoher Priorität an?
Winterthur ist eine sehr dynamische Stadt. Hier siedeln sich immer mehr Unternehmen an und im Wohnbereich entstehen neue Areale. Darum müssen wir auch die Infrastruktur für Versorgung und Entsorgung weiterentwickeln. In den nächsten Jahren werden wir viele Hundert Millionen Franken in Grossprojekte investieren: in die neue ARA (Abwasserreinigungsanlage), den Ersatz der Verbrennungslinie 2 der KVA (Kehrichtverbrennungsanlage), den Ausbau der Fernwärmeversorgung, die Modernisierung grosser Wasseranlagen und die Kapazitätserweiterung auf der Mittelspannungsebene des Stromnetzes. Alle diese Projekte fordern uns bei Verantwortlichkeiten, Prozessen, Reporting und Risikomanagement. Wenn man so viel vorhat, verträgt es keine Ineffizienzen. Darum überprüfen wir derzeit unsere Abläufe und Strukturen. Zudem brauchen wir motivierte Mitarbeitende, um die Projekte zu stemmen. Auch bei ihnen setze ich einen Schwerpunkt. Und natürlich ist mir die eingespielte Zusammenarbeit mit der lokalen Politik sehr wichtig.
Sie haben die hohen Investitionen erwähnt, die Stadtwerk Winterthur stemmen muss. Wie gelingt das?
Als städtische Dienstabteilung können wir die finanziellen Mittel für die Grossprojekte über die Stadt Winterthur beschaffen. Zudem verfügen wir über hohe Betriebsreserven und eine stabile finanzielle Situation. Aber natürlich muss auch die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Projekte stimmen. Beim Ausbau der Fernwärmeversorgung zum Beispiel erfordert das, möglichst effizient zu bauen und eine hohe Anschlussdichte zu erreichen.
Wie bewegen Sie die Hauseigentümer:innen dazu, sich für einen Anschluss ans Fernwärmenetz zu entscheiden?
Damit sie sich beim Heizungsersatz für Fernwärme und nicht für eine andere Lösung entscheiden, sind vor allem zwei Punkte wichtig: eine hohe Geschwindigkeit bei der Akquisition und eine transparente Information. Die Hauseigentümer:innen müssen genau wissen, wann sie ihr Gebäude ans Fernwärmenetz anschliessen können. Einen zusätzlichen Anreiz setzen wir mit Förderbeiträgen bei einem vorzeitigen Ersatz fossiler Heizungen.
Sie sind ein Experte für Stromnetze. Mit welcher Strategie gelingt es den Verteilnetzbetreibern, ihre Netze schnell genug und trotzdem wirtschaftlich für die neuen Anforderungen weiterzuentwickeln?
Eine immer wichtigere Rolle für ein funktionierendes Stromnetz spielen die Kund:innen. Darum setzen wir finanzielle Anreize für ein netzdienliches Verhalten: Auf das kommende Jahr planen wir die Einführung eines Leistungstarifs für alle Kundensegmente sowie saisonale Tarife und längere Niedertarifzeiten – gewissermassen als Vorstufe zu dynamischen Tarifen. Den eigentlichen Netzausbau gehen wir sehr gezielt an: Wir investieren dort, wo es wirklich nötig ist. Die bestehenden oder absehbaren Schwachstellen im Netz identifizieren wir mithilfe von Monitoring, Simulationen und Prognosen.
Nutzen Sie auch die Möglichkeit, dezentrale Flexibilitäten aktiv zu steuern?
In diesem Bereich sind wir vorerst zurückhaltend. Denn bei kleineren Anlagen ist der Aufwand grösser als der Nutzen. Hingegen steuern wir etwa grosse städtische Solaranlagen, prüfen den Einsatz von Batteriespeichern und realisieren bei der neuen Verbrennungslinie 2 der KVA einen steuerbaren Spitzenlastkessel, den wir als Flexibilität nutzen werden.
Welches sind neben Dekarbonisierung und bezahlbarer Versorgungssicherheit derzeit die grossen Herausforderungen für die Schweizer Stadtwerke?
Erstens machen sich die volatilen Märkte und die geopolitischen Instabilitäten bemerkbar. Beim Strom beispielsweise beschäftigen uns nicht nur die knappen Importkapazitäten, sondern genauso die langen Lieferfristen und die hohen Preise für Anlagenteile wie Trafos. Zweitens hat die Regulierungsdichte enorm zugenommen. Zum Beispiel für die Umsetzung des Mantelerlasses: Unter anderem haben wir Netzbetreiber neue Informationspflichten erhalten, die einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Bei vielen Kund:innen sorgen die zusätzlichen Informationen aber eher für Verwirrung statt für Transparenz. Nur schon unsere Rechnungen sind sehr kompliziert geworden. Drittens spüren wir bereits die Folgen des Klimawandels. Bei Stadtwerk Winterthur müssen wir uns etwa damit befassen, was der vermehrte Starkregen für den Betrieb der ARA bedeutet.
In welchen Bereichen ist ein Alleingang für Stadtwerke weiterhin sinnvoll? Und wo braucht es mehr Kooperationen?
Genau diese Diskussion führen wir derzeit bei Stadtwerk Winterthur. Der Alleingang ist gesetzt, wenn es um lokalpolitische Fragestellungen geht – wie zum Beispiel die Umsetzung der städtischen Energiestrategie. Auch beim Ausbau der Wärmenetze sehe ich wenig Potenzial für Synergien, weil die Ausgangslage in jeder Stadt anders ist. Kooperationen sind hingegen dort sinnvoll, wo sich gleiche Aufgaben standardisiert lösen lassen. Ich denke etwa an lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), Effizienzmassnahmen und Flexibilitätsmanagement. Auch die Skaleneffekte durch den gemeinsamen Einkauf von Material könnten interessant sein.
Welche Rolle soll Swisspower dabei spielen?
Swisspower soll solche gemeinsamen Lösungen erarbeiten und umsetzen. Die Plattform LEGhub zum Beispiel ist eine Erfolgsgeschichte und kommt bei der Bevölkerung gut an. Eine wichtige Aufgabe von Swisspower bleibt zudem das Lobbying: Es geht darum, die Realität von uns Querverbundunternehmen in Bundesbern aufzuzeigen und unsere Interessen einfliessen zu lassen, etwa in Vernehmlassungen. Die meisten Stadtwerke sind zu klein, um das selbst zu tun. Mit Blick nach vorn fragt sich auch, welche Rolle Swisspower bei einer vollständigen Strommarktliberalisierung spielen wird. Denn bei einer Marktöffnung stehen in allen Stadtwerken die gleichen Aufgaben an.