Dr. Francesca Paoletti bei energate: «Die Frist für den Start der LEG ist deutlich präsenter»

Bern (energate) - Mit Beginn des neuen Jahres schlägt die Stunde der Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG). Für deren Umsetzung haben sich zahlreiche Energieversorgungsunternehmen (EVU) der Dienstleistungsplattform LEGhub der Stadtwerkeallianz Swisspower angeschlossen. Im Gespräch mit energate zieht die zuständige Projektleiterin Francesca Paoletti ein Zwischenfazit.

energate: Frau Paoletti, wie fällt das Interesse am LEGhub aus und welche Funktionen werden am stärksten nachgefragt?

Paoletti: Die erste Funktion, welche wir mit dem LEGhub abdecken konnten, war die Netztopologieauskunft für virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (vZEV). Diese fand sowohl bei Verteilnetzbetreibern als auch bei Endkundinnen und Endkunden breiten Anklang. Seit der Inbetriebnahme im Februar wurde die Funktion bereits über 12.000-mal genutzt.

energate: Nimmt das Interesse mit dem näher rückenden Jahresende zu?

Paoletti: Bis zur Jahresmitte war das Interesse an LEG eher verhalten. Unser Eindruck war, dass die EVU in erster Linie damit beschäftigt waren, das Modell der vZEV umzusetzen. Seit dem Sommer verzeichnen wir aber einen deutlichen Anstieg der Anfragen durch EVU und auch durch deren Dienstleister nach den LEG. Die Frist vom 1. Januar 2026 für den Start der LEG ist in den Gesprächen deutlich präsenter als vor ein bis zwei Monaten. Eine Rolle spielt dabei sicherlich auch, dass unsere Plattform seit Anfang Juli mit sämtlichen Funktionalitäten online ist und wir seither eine stärkere Sichtbarkeit haben. Unsere potenziellen Kundinnen und Kunden können sich direkt auf der Webseite von den Funktionalitäten des LEGhubs überzeugen.

Bisher sind ca. 30 Verteilnetzbetreiber bereits online im LEGhub einsehbar oder im Onboarding-Prozess dabei, sich auf das Go-live vorzubereiten. Da wir bereits viele weitere Gespräche zum Anschluss führen, gehen wir davon aus, bis zum Jahresende eine mittlere zweistellige Zahl an angeschlossenen Verteilnetzbetreibern zu haben.

energate: Worauf führen Sie die anfängliche Zurückhaltung bei den LEG und das gleichzeitig starke Interesse an vZEV zurück?

Paoletti: Die Umsetzung des Mantelerlasses hat viele organisatorische Änderungen und Anpassungen für die Energieversorger mit sich gebracht. Insbesondere Verteilnetzbetreiber sind mit vielen neuen Pflichtaufgaben konfrontiert und es wird zwangsläufig nach Fristen priorisiert. Seitens Endkundinnen und Endkunden sowie Dienstleistern haben vZEV zudem den Vorteil, dass die Netznutzungskosten komplett entfallen, während bei LEG nur ein Rabatt von 40 beziehungsweise 20 Prozent gewährt wird.

Gleichzeitig sehen wir auch einige EVU, welche das Modell der LEG als Chance sehen, ihre Positionierung in der Öffentlichkeit zu stärken. Das gilt gerade für Gemeinde- oder Stadtwerke, welche die Energiewende lokal umsetzen können oder aber die Modelle der LEG direkt in ihrer Produktstrategie integrieren. Generell kann man sagen, dass gerade das Modell der LEG mit seiner potenziell breiteren örtlichen Ausdehnung als die Eigenverbrauchsmodelle Chancen für neue Geschäftsmodelle für die EVU mit sich bringt.

energate: Sind Stadtwerke und grössere Versorger weiter bei der Umsetzung von LEG und vZEV als kleinere?

Paoletti: Ich denke, die Umsetzung ist ein wenig eine Frage der Firmenkultur; manche Unternehmen möchten fristgerecht bereit sein und starten entsprechend früh mit den Vorbereitungen für regulatorische Veränderungen. Andere warten vielleicht bis kurz vor Schluss, aus der Sorge, dass am Ende doch noch etwas geändert wird.

Manche Stadt- und Gemeindewerke sind zudem sehr beeinflusst von den Vorgaben ihrer Eigentümer - insbesondere, wenn es sich dabei um öffentliche Verwaltungen handelt, welche ein Interesse an einer bestimmten öffentlichen Wahrnehmung haben. Das kann beispielsweise das Label "Energiestadt" oder die angestrebte Positionierung als Treiber der dezentralen Energiewende sein.

energate: Gibt es auch LEGhub-Nutzer ausserhalb der klassischen Versorger?

Paoletti: Ja, wir haben auch sehr positive Partnerschaften mit Dienstleistern entwickelt, welche Informationstechnologie- und Abrechnungsdienstleistungen für ihre Kundschaft anbieten und ein Interesse haben, die Teilnahme an der LEGhub-Plattform als Bestandteil ihres Angebotsportfolios anzubieten.

energate: Die Umsetzung von LEG hängt mit der Digitalisierung zusammen. Tun sich kleinere EVU generell schwieriger damit als grössere?

Paoletti: Für kleinere EVU ist die Digitalisierung tatsächlich eine Herausforderung, aber auch hier sehen wir grosse Unterschiede. Manche Versorger handeln vorausschauend und kaufen sich gezielt Dienstleistungen ein, dies kann die Informationstechnologie-Systemlandschaft oder auch die Zusammenstellung der digitalen Netztopologie sein. Manche andere schliessen sich in Kooperationen von Gemeinden oder auch mit anderen EVU zusammen.

Nicht zuletzt ist es auch die DNA von Swisspower, die Position von kleineren EVU zu stärken und Synergien durch Kooperationen zu schaffen. Dies ist der Ansatz hinter der LEGhub-Plattform, welche in enger Kollaboration mit Energieversorgen entwickelt wurde und deren Prozesse sich an den tagtäglichen Bedürfnissen der teilnehmenden EVU orientieren. Unsere Partnerschaften mit Dienstleistern ermöglichen wie erwähnt die Erzeugung von Skaleneffekten, die gerade auch für kleine Versorger vorteilhaft sind, da sie nicht die Option haben, eine eigene Lösung zu entwickeln.

energate: Grundsätzlich kann jeder eine LEG gründen. Wie hoch schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass privat organisierte LEG den EVU ihre Marktanteile streitig machen, falls Letztere kein Angebot dafür schaffen?

Paoletti: Sicherlich ist die Bildung einer LEG eine attraktive Option für grosse Solarstromproduzenten, die damit eine Möglichkeit haben, ihre Stromproduktion lokal und unkompliziert abzusetzen. Inwiefern das für Privatpersonen vorteilhaft ist und ob die Eigenverbrauchsmodelle für kleine, private Gemeinschaften nicht vorteilhafter sind, wird sich ab nächstem Jahr zeigen.

Was die Frage nach Marktanteilen betrifft, beobachten wir unterschiedliche Ansichten zu dieser Thematik. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele EVU das Modell der LEG pragmatisch angehen und die Chancen für neue Geschäftsmodelle erkennen. Besonders die Stadtwerke in unserem Netzwerk zeichnen sich durch ihre Innovationsbereitschaft aus und entwickeln bereits heute kreative Lösungen für die sich wandelnde Energielandschaft. Sie verstehen es, regulatorische Veränderungen als Möglichkeit zu nutzen, um ihre Rolle als lokale Partner zu stärken.

energate: Wie wird es mit dem LEGhub weitergehen im Hinblick auf den Start am 1. Januar 2026?

Paoletti: Der LEGhub als agile Softwarelösung wird kontinuierlich weiterentwickelt: EVU, die angeschlossen sind, kommen automatisch in die Begleitgruppe. Diese tauscht sich kollaborativ und im Dialog über weitere Funktionalitäten und Erweiterungen aus, testet neue Funktionen, prüft neue Geschäftsideen usw. Wichtig zu erwähnen ist, dass LEGhub auch White-Label-fähig ist. Das heisst, die Erscheinung der Formulare, der Komponenten und Unterlagen kann an das jeweilige Corporate Design der Energieversorgungsunternehmen optional angepasst werden.

energate: Ist eine Lösung für LEGhub-Nutzer, die neu dazu kommen wollen, in der verbleibenden Zeit noch umsetzbar?

Paoletti: Die Anbindung dauert ein bis drei Monate. Diese Onboarding-Zeit ist notwendig, um sicherzustellen, dass die Daten zur Netztopologie korrekt erfasst sind, um die Schnittstellenintegration zu testen, aber auch, um die Mitarbeitenden zu schulen und den Umgang mit Daten datenschutzkonform sicherzustellen. Für Unternehmen, die fristgerecht zum 1. Januar 2026 bereit sein wollen, ist es sicherlich empfehlenswert, spätestens Mitte Oktober in Kontakt mit uns zu treten, damit der Onboarding-Prozess in all seinen Details sichergestellt werden kann.

 

von Yves Ballinari, energate (Link zum Artikel)