Was sagt die Forschung zum Stromabkommen mit der EU?

Der Schweiz steht bald eine weitere hitzige Energiedebatte bevor: Soll sie dem Stromabkommen mit der EU zustimmen? Yasmine Calisesi blickt aus Sicht der Forschung auf das Abkommen. Sie ist Direktorin des Energy Center der EPFL und referiert am Stadtwerkekongress 2026. 

Frau Calisesi, die Versorgungssicherheit der Schweiz ist auf den ersten Blick vor allem ein technisches Thema. Warum sind auch die Beziehungen zu Europa entscheidend dafür? 

Yasmine Calisesi: Ich sehe es nicht so, dass Versorgungssicherheit primär ein technisches Thema sein soll. Sicher kann man an der Infrastruktur weiterforschen und sie optimieren. Es gibt Aspekte, die wir noch nicht vollständig verstehen, insbesondere hinsichtlich der Dynamik zukünftiger Stromnetze. Viel weitreichender für die Versorgungssicherheit ist aber die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischer Energie – von Öl, Gas, nuklearem Brennstoff und natürlich von Strom. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie sehr das ein geopolitisches und ein ökonomisches Thema ist. Wir müssen uns den Zugang zur Energie sichern, die uns in der Schweiz fehlt. Darum geht es auch beim Stromabkommen mit der EU. 

«Das Stromabkommen hat eine internationale und eine nationale Ebene, die es beide zu berücksichtigen gilt.»

Yasmine Calisesi, Direktorin des Energy Center der EPFL

 

Wie schauen Sie als Vertreterin der Forschung auf das Stromabkommen? 

An der EPFL bilden wir mit unseren Modellen und Algorithmen das Energiesystem der Schweiz und Europas ab. Dabei ist klar: Rein physikalisch betrachtet, beseitigt das Stromabkommen eine Reihe von Einschränkungen und eröffnet neue Möglichkeiten. Vor allem erhöht es das Handelspotenzial für die Schweizer Stromwirtschaft. Etwas provokativ könnte man aber sogar sagen: Für die systemische Forschung wäre eine Stromlandschaft ohne Abkommen herausfordernder – etwa durch den erhöhten Bedarf an lokaler, sprich erneuerbarer Stromproduktion, die erhöhten Anforderungen an die Flexibilität und die Resilienz des Systems sowie die saisonale Speicherung. Zudem hat das Abkommen eine internationale und eine nationale Ebene, die es beide zu berücksichtigen gilt. 

Wie meinen Sie das? 

Gehen wir wieder vom physikalischen Ansatz aus: Das europäische Stromnetz kennt keine Grenzen. Der Stromfluss unterliegt den Gesetzen der Physik. Und je mehr Verbindungen bestehen – wie im Fall der Schweiz –, desto grösser sind die Möglichkeiten, ein widerstandsfähiges System zu realisieren, das effizient betrieben wird. Aus dieser Sicht ist klar, dass die Schweiz einen Rahmen mit ihren Nachbarländern braucht, der zumindest die Abbildung der physikalischen Ströme erlaubt. Denn die Anbindung an die europäischen Systeme wie etwa die Regelenergie-Plattformen macht den Netzbetrieb nicht nur stabiler, sondern auch günstiger. Das ist die internationale Ebene. Doch es gibt genauso die nationale Ebene – jene der Schweizer Stromlandschaft. Das Abkommen bringt Bedingungen mit sich, die diese Landschaft beeinflussen könnten. Dabei geht es zum Beispiel um die vollständige Marktöffnung und die Trennung des Netzbetriebs von den anderen Tätigkeiten. Diese Bedingungen können den Druck auf die Energieversorger erhöhen. Gleichzeitig bieten sie einen offeneren und transparenteren Marktzugang für die Kund:innen. Solche Folgen gilt es ebenfalls abzuwägen. 

Podiumsdiskussion mit Yasmine Calisesi am Stadtwerkekongress 2026 

Welche Chancen und Herausforderungen sind mit dem Stromabkommen Schweiz-EU verbunden? Was würde eine Annahme für die Schweiz, die Städte und die Stadtwerke bedeuten – und was ein Nein an der Urne? Darüber diskutiert Yasmine Calisesi an einem Panel am Stadtwerkekongress 2026 mit Guillaume Cassaigneau, Leiter Internationales beim Bundesamt für Energie, Cristina Pastoriza, Direktorin von Multidis, und Erwin Smole, Vorstand der Stadtwerke Klagenfurt AG.

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Eine grosse Herausforderung der Schweizer Energiebranche ist der Winterstrom. Löst das Stromabkommen dieses Problem? 

Klar ist: Das Abkommen erleichtert den Zugang zu den Strommärkten – sowohl für Energie als auch für Ausgleichsenergie. Dies hat einen direkten Effekt auf die Erhöhung der Versorgungssicherheit im Winter. Was mit dem Abkommen aber ungelöst bleibt: Ein wesentlicher Teil des Stroms entsteht bereits heute in unseren Nachbarländern, auch in fossilen Kraftwerken. Dabei gibt es durchaus Potenzial, mehr Winterstrom im Inland zu produzieren, insbesondere mit Windkraft und fassadenintegrierter Photovoltaik. 

Könnte das Stromabkommen also dazu führen, dass diese Opportunitäten in der Schweiz weiterhin nicht ausgeschöpft werden, weil der Handlungsdruck sinkt? 

Das ist zumindest denkbar. Grosse Windparks zum Beispiel lassen sich in Deutschland viel leichter und schneller realisieren als in der Schweiz. Wenn der Zugang zur ausländischen Energie vereinfacht wird, könnten sich einige Akteure überlegen, im Ausland statt in der Schweiz zu investieren. 

Wie gelingt es, die Mehrheit der Stimmbevölkerung für das Stromabkommen zu gewinnen? 

Da muss ich Sie leider enttäuschen: Wir machen an der EPFL keine Politik. Darum ist es nicht an uns, zu sagen, mit welcher Strategie sich eine Abstimmung gewinnen lässt. Unsere Rolle ist es aber, die Bevölkerung fundiert zu informieren und ihr Zusammenhänge zu erklären. Dazu können wir unvoreingenommene, wissenschaftsbasierte Argumente liefern. Ihre Meinung zu konkreten Abstimmungsvorlagen müssen sich die Stimmberechtigten aber selbst bilden. 

Wie kann die Forschung dazu beitragen, dass die Bevölkerung den Wandel bei der Energieversorgung akzeptiert und im besten Fall aktiv unterstützt? 

Ich gebe gerne zwei Beispiele. Erstens geht es in unserer Forschung unter anderem um soziale Akzeptanz. Mit Befragungen und Experimenten untersuchen wir etwa die Frage: Welche Trigger wirken am stärksten, damit Hausbesitzer:innen eine Photovoltaikanlage auf ihrem Dach installieren lassen? Zweitens entwickeln wir Technologien und Lösungen, die die Effizienz im Energiesystem erhöhen und die Kosten verringern. Wenn als Folge die Preise sinken, merken die Konsument:innen: Der Wandel im Energiebereich ist nicht nur sinnvoll für Klima und Umwelt, er kann auch finanziell interessant sein. 

Warum ist es wichtig, dass Forschungsinstitutionen wie die EPFL und die Stadtwerke zusammenarbeiten? 

Damit unsere Forschung gesellschaftlich relevant und anwendbar ist, muss sie nahe an der Praxis sein. Deshalb sind Kooperationen für uns so wichtig. Sie ermöglichen uns zum Beispiel den Zugang zu realen Netzen und zu Energiedaten aller Art, die wir für unsere Demonstratoren nutzen können. Reale Systeme sind hinsichtlich ihrer Komplexität (Grösse und Daten) weitaus komplexer als akademische Benchmark-Modelle, was ihre Untersuchung anspruchsvoller und interessanter macht. Davon profitieren auch die Stadtwerke: Unsere Ergebnisse helfen ihnen, bei Technologien, Ansätzen und Marktmechanismen wie zum Beispiel Businessmodellen und Preissystemen auf dem Laufenden und kompetitiv zu bleiben. 

Was empfehlen Sie den Stadtwerken für die Zusammenarbeit mit der Forschung? 

Mein wichtigster Tipp an die Energieunternehmen: Prüfen Sie zuerst, ob zur Forschungsfrage, die Sie interessiert, schon Ergebnisse publiziert wurden. Unzählige Berichte und Ideen aus der Forschung sind öffentlich zugänglich. Es lohnt sich also nicht, das Rad immer wieder neu zu erfinden. Liegen die benötigten Erkenntnisse noch nicht vor, sind wir natürlich sehr offen für Kooperationen. Hier lautet die gute Nachricht für die Stadtwerke: Oft erfordern solche Forschungsprojekte keine grossen finanziellen Mittel, sondern vor allem die Bereitschaft, uns die benötigten Daten und die personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen – also die Zeit, die zur Besprechung oder gar Begleitung eines Forschungsprojekts nötig ist. Die Stadtwerke können auch frisch graduierte EPFL-Studierende einstellen, die mit den neusten Methoden und Technologien ausgebildet wurden und diese neuen Kompetenzen und Perspektiven einbringen können.  

Zu diesen Themen forscht die EPFL im Energiebereich 

An der EPFL forschen zirka 100 Labore zu verschiedensten Aspekten der Energie – unter anderem zu Energieeffizienz in der Industrie, im Gebäudebereich, im Verkehr und in Datenzentren, zu Technologien zur Energiebereitstellung aus erneuerbaren Quellen, aber auch zur Kernfusion und zur Sicherheit der Kernkraftwerke, zur Optimierung der Netze sowie zur Energieumwandlung (Power-to-X) und -speicherung. Dabei fokussieren die Forschenden nicht nur auf Strom, sondern auf verschiedene Energieträger und deren Zusammenspiel. Die EPFL ist in engem Austausch mit Bundesbehörden, Politiker:innen sowie privaten Unternehmen und liefert wichtige Grundlagen für die Schweizer Energiepolitik.