Swisspower | Gasmarktöffnung: So sollten sich Stadtwerke vorbereiten

Gasmarktöffnung: So sollten sich Stadtwerke vorbereiten

Sie betrifft jeden Gasversorger: die «wilde» Gasmarktöffnung. Deshalb lieferte die Premiere der neuen Webinar-Reihe «Energiemarkt konkret» von Swisspower und EVU Partners Antworten zu diesem Thema. Wie sich Stadtwerke auf die Gasmarktöffnung vorbereiten sollten, erklärt Dr. Markus Flatt von EVU Partners.

Mit ihrem Entscheid zu einer Gasdurchleitung in der Zentralschweiz hat die WEKO faktisch den Gasmarkt in der ganzen Schweiz geöffnet. Wie wird er sich Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Markus Flatt: Der Entscheid lässt sich mit jenem von 2001 zu den Freiburger Elektrizitätswerken vergleichen. Damit leitete die WEKO damals die erste Stufe der Strommarktliberalisierung ein. Auch beim Gasmarkt handelt es sich nun um einen Einzelfallentscheid, der aber Signalwirkung hat für die ganze Branche. Allerding lässt sich nur schwer vorhersagen, was der Entscheid im Markt auslöst. Einerseits zeigt die neuste Auflage unserer Gasmarktstudie, die wir in diesen Tagen publizieren: Schon jeder zweite Gasversorger hat seit der Publikation der WEKO-Verfügung von Unternehmen, die nicht unter die Verbändevereinbarung fielen, Anfragen erhalten für eine Gaslieferung. Auch viele Lieferanten sind aktiv und wollen neue Kunden ausserhalb ihres Netzgebiets gewinnen. Andererseits fehlen für solche Gaslieferungen noch die Standards – etwa zu Messung und Bilanzierung. Eine Durchleitung beschert den Kunden und den neuen Lieferanten zunächst einen erheblichen Aufwand. Ob sich diese Kosten lohnen, ist fraglich. Deshalb werden längst nicht alle Netzzugangsgesuche auch zu Lieferantenwechseln führen.

Welche Massnahmen sollten Stadtwerke mit Blick auf die «wilde» Öffnung ergreifen?

Auf operativer Ebene geht es primär um technische und administrative Fragen zu Messung und Bilanzierung. Vor allem aber erwarten viele grössere Gaskunden sowie die im Wettbewerb aktiven Lieferanten, dass wirklich alle Gasversorger nun das umsetzen, was in der Verbändevereinbarung seit Jahren vereinbart ist – etwa bezüglich der Tarifkalkulation und der Entflechtung von Netznutzung und Energielieferung. Bisher besteht nur die Pflicht, die Netzentgelte nach Verbändevereinbarung für Grösstkunden zu publizieren. Doch die meisten grösseren Kunden kennen die Mechanismen des Unbundlings schon vom Strommarkt her und verlangen jetzt die gleiche Transparenz beim Gas. Das führt zwangsläufig zu Fragen hinsichtlich der Festlegung und der Publikation aller relevanten Netzzugangsbedingungen für sämtliche Kundengruppen. Voraussetzung dafür ist, dass die Stadtwerke ihre Prozesse rasch so anpassen, als ob eine Publikation der Netznutzungstarife bereits heute vorgeschrieben wäre.

Ist es denkbar, dass das geplante GasVG die durch den WEKO-Entscheid eingeleitete vollständige Gasmarktöffnung wieder einschränkt?

Nach der Auswertung der Vernehmlassung überweist der Bundesrat die Botschaft zum GasVG dieses Jahr ans Parlament. Die Räte werden darüber beraten, ob sie wie der Bundesrat eine Teilmarktöffnung mit regulierter Versorgung bevorzugen – und wenn ja, mit welcher Schwelle für den freien Marktzugang. Diese Debatte dürfte durch die nun entstehende Marktdynamik stark beeinflusst werden. Bei einer hohen Dynamik würde es schwierig, den Markt politisch wieder zu schliessen oder die Zugangsschwelle höher anzusetzen als bei den vom Bundesrat vorgeschlagenen 100 MWh pro Jahr.

Mit der Revision des StromVG wird der Strommarkt 2024 möglicherweise vollständig liberalisiert. Welche Vorbereitungen können die Stadtwerke parallel für die Liberalisierung beider Märkte treffen?

Bei Strom und Gas bestehen mehrere Parallelen. Die Vertriebsarbeit funktioniert sehr ähnlich. Beides sind Commodities, die eine Differenzierung am Markt schwer machen. Zudem soll bei beiden Energieträgern der Anteil erneuerbarer Energien in den kommenden Jahren steigen. Vertriebsorganisation und Produktmanagement lassen sich daher zusammenlegen. Auch die Methodik für die jeweilige Marktstrategie – mit welchen Produkten treten wir in welchem Marktgebiet zu welchem Preis auf – kann identisch sein, obwohl am Schluss natürlich für Strom und Gas unterschiedliche Antworten herauskommen. Weitere Synergien sehe ich beim Regulierungsmanagement, bei Beschaffung und Handel sowie bei der IT. Dass sich viele für den Strommarkt aufgebaute Kompetenzen nun auch für den Gasmarkt nutzen lassen, ist ein wesentlicher Grund für den Markteinstieg von Stromversorgern wie der BKW.

Markus Flatt, Mitglied der Geschäftsleitung, EVU Partners
Markus Flatt, Mitglied der Geschäftsleitung, EVU Partners
«Aus Sicht der reinen Stromanbieter ist der Gasmarkt gerade deshalb interessant, weil es weiterhin eine gewisse Marge zu holen gibt und sie dafür ihre bereits vorhandenen Vertriebs- und Handelsressourcen nochmals einsetzen können.»

Welche Chancen erhoffen sich solch grosse Player, wenn sie jetzt in den Gasmarkt einsteigen? Durch den verstärkten Wettbewerb dürften die Margen ja sinken…

Auch Sicht der bestehenden Gasversorger stimmt das: Als bisherige Monopolisten können sie bei den Margen nur verlieren. Doch aus Sicht der reinen Stromanbieter ist der Gasmarkt gerade deshalb interessant, weil es weiterhin eine gewisse Marge zu holen gibt und sie dafür ihre bereits vorhandenen Vertriebs- und Handelsressourcen nochmals einsetzen können. Oder um es mit einer Formel zu sagen: Synergien plus Margenpotenzial gleich interessanter Markt. Deshalb dürften neben der BKW noch einige weitere nationale Anbieter in den Wettbewerb um die Gaskunden eintreten. Angesichts der wachsenden Konkurrenz sind die Stadtwerke gut beraten, die verbleibende Vorbereitungszeit zu nutzen und sich zu fragen: Wie sehen unsere künftige Strategie und unsere Roadmap für die Liberalisierung aus? Wie müssen wir unsere Prozesse adaptieren? Wie passt diese Strategie in den Kontext der Dekarbonisierung? Falls die Gasversorger diese Strategiereview noch nicht gestartet haben, ist jetzt der Moment dafür.