Swisspower | «Versorgungssicherheit hat eine neue Bedeutung erhalten»

«Versorgungssicherheit hat eine neue Bedeutung erhalten»

Cornelia Mellenberger hat ihre Aufgabe als neue CEO von Energie Wasser Bern in einer turbulenten Zeit übernommen. Wie packt sie die vielen Herausforderungen an? Ein Gespräch über den Umgang mit Krisen und das Vorwärtsmachen bei der Energiewende und der Transformation zu erneuerbarem Gas im Wärmemarkt.

Wie war es für Sie, kurz nach dem Stellenantritt Anfang 2022 gleich in den Krisenmodus zu schalten – Stichwort Gaskrise?

Cornelia Mellenberger: Natürlich habe ich mir den Start anders vorgestellt. Wegen Corona mussten wir zuerst die geplanten Besuche bei Grosskunden und Partnern verschieben. Als sich die Pandemie etwas entschärfte, begann die Ukrainekrise. Selbstverständlich geht es in dieser Situation in erster Linie um die Menschen in der Ukraine, denen der Krieg so viel Leid zufügt. Daneben beschäftigt die aktuelle Situation Energie Wasser Bern, die gesamte Branche und die Gesellschaft als Ganzes enorm. Die Versorgungssicherheit hat damit verbunden eine neue Bedeutung erhalten.

Mit dem Ukrainekrieg ist Gas in der öffentlichen Wahrnehmung zum Schmuddelkind im Wärmemarkt geworden. Welche Zukunft sehen Sie für die Gasversorgung noch?

Erneuerbares Gas wird weiterhin eine Rolle spielen. Dass sich derzeit spürbar mehr Kundinnen und Kunden für einen Wechsel auf Fernwärme oder eine andere nachhaltige Wärmelösung interessieren, freut uns und bestätigt unsere Strategie. Doch dieser Umstieg lässt sich nicht überall sofort realisieren. Bei Geschäftskunden bleibt Gas als Prozessenergie bestehen, diese können nicht einfach auf einen anderen Energieträger wechseln. Bei den Privatkunden sieht der Richtplan der Stadt Bern vor, in welchen Gebieten zum Beispiel auf Fernwärme umgestellt werden kann. Deshalb verfolgen wir das Ziel, über den Ausbau des Fernwärmenetzes den Gasabsatz zu redimensionieren, damit wir die Dekarbonisierung im Rahmen der Klimastrategie umsetzen können. Neben der Transformation zu möglichst viel erneuerbarem Gas ist ein weiteres zentrales Ziel die Unabhängigkeit vom russischen Erdgas. Erste Handlungsmassnahmen haben wir mit der Erweiterung von bestehenden Speicherkapazitäten in Frankreich in die Wege geleitet. Weiter sind wir aktiv dabei, die aktuellen Bezugsmöglichkeiten breiter abzustützen. Vor Kurzem konnten wir Herkunftsnachweise für Erdgas aus der Nordsee über eine jährliche Abnahmemenge von 700 GWh mit Bezug ab 1. Oktober 2022 bis 30. September 2025 sichern. Damit wird Energie Wasser Bern ab Oktober verbleibendes russisches Gas via Herkunftsnachweise durch geografisch alternative Einspeisungen aus der Nordsee substituieren. Ein weiterer wichtiger Hebel zur Reduktion von fossilem respektive russischem Gas ist eine höhere Energieeffizienz – und diese zu beschleunigen. Hier unterstützen wir unsere Kundinnen und Kunden ebenfalls. Insgesamt bestärkt uns die aktuelle Situation, mit der Energiewende vorwärtszumachen.

Sie nahmen an der Einweihung der Power-to-Gas-Anlage von Limeco teil. Energie Wasser Bern hat das Projekt als ein Abnehmer des erneuerbaren Gases ermöglicht. Wird Ihr Unternehmen weiterhin in die Ökologisierung des Gasmarkts investieren? Oder macht es Sinn, nun alle Kräfte für den Fernwärmeausbau und die erneuerbare Stromproduktion zu bündeln?

In einer Krise ist es wichtig, nicht in Hektik auszubrechen – die Energieversorgung war schon immer ein langfristiges Geschäft mit grossen Abhängigkeiten. Wir investieren für Generationen. Da sind hektische Kursänderungen fehl am Platz. In unserer Strategie fühlen wir uns durch die aktuelle Situation bestätigt. Mir ist dabei wichtig, das Kerngeschäft ins Zentrum zu stellen. Wir wollen auch weiterhin in Innovationen nahe am Kerngeschäft investieren und dabei gezielt mit Partnern zusammenarbeiten. Die Power-to-Gas-Anlage in Dietikon ist ein schönes Beispiel dafür: Limeco, die acht beteiligten Energieversorger und Swisspower haben diese Innovation gemeinsam vorangetrieben. Um bei der Energiewende an Schub zu gewinnen, müssen wir sämtliche Register ziehen: auf alle Technologien setzen, die sich anbieten. Es braucht kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

«Wir arbeiten an der Zukunft von Generationen. Diese Sinnhaftigkeit der Arbeit ist vielen Menschen zunehmend wichtig»

Der Strombereich hält ebenfalls einige Herausforderungen für Sie bereit. Stichworte sind unter anderem die hohen Marktpreise und die drohende Winterstromlücke. Mit welcher Strategie begegnet Energie Wasser Bern dieser Situation?

Eine sichere Stromversorgung ist absolut zentral für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die verschiedene Hebel umfasst: etwa Investitionen in eine höhere Energieeffizienz in der Wirtschaft, das Stromsparen durch die Gesellschaft, aber auch die Beschleunigung beim Ausbau der Wasserkraft durch Politik und Verwaltung. Den hohen Marktpreisen ist natürlich auch Energie Wasser Bern ausgesetzt. Unser Risikokomitee legt unter anderem Bandbreiten fest, in denen wir uns beim Stromhandel bewegen dürfen. So auch, dass ein spekulativer Handel nicht zulässig ist. Ich gehe aber insgesamt davon aus, dass wir uns auch künftig auf höhere Energiepreise einstellen müssen. Umso wichtiger ist für uns die Wasserkraft. Sie stellt gleichzeitig unser wirkungsvollstes Instrument gegen die Winterstromlücke dar. Bei der Wasserkraft besteht nach wie vor ein grosses Potenzial: als erneuerbare Energie und genauso als Speichertechnologie. Das Potenzial zu nutzen und die Hürden auf diesem Weg zu beseitigen, insbesondere durch eine Beschleunigung der Bewilligungsverfahren, steht ganz oben auf unserer Agenda.

Vor allem in technischen Berufen leidet die Energiebranche unter Fachkräftemangel. Wie gelingt es den Stadtwerken, die gefragten Fachleute für sich zu gewinnen?

Indem wir uns stärker als moderne, zukunftsgerichtete Unternehmen mit einer wertvollen Aufgabe fürs Gemeinwohl positionieren. Nur wenige andere Branchen bieten so sinnhafte Stellen an und stehen in einem Wandel mit zentralen Tätigkeiten: Wir arbeiten an der Zukunft von Generationen. Diese Sinnhaftigkeit der Arbeit ist vielen Menschen zunehmend wichtig. Da stehen wir als EVU sehr weit vorne. Diese Chance gilt es zu nutzen, zum Beispiel mit einer angepassten Rekrutierung: Oft sehe ich noch sehr technische Stelleninserate – hier haben wir Luft nach oben. Aber auch mit einer attraktiven Personalentwicklung sowie der Wertschätzung für unsere Mitarbeitenden und das, was sie tagtäglich leisten.

Ihr Vorgänger Daniel Schafer ist zur BLS gewechselt, Sie von der Führungsebene der SBB zu Energie Wasser Bern. Offensichtlich bestehen enge Parallelen zwischen den beiden Branchen. Was braucht es, um ein staatsnahes Unternehmen in einem politisch geprägten Umfeld erfolgreich zu führen?

In beiden Branchen ist das oberste Ziel die Versorgungssicherheit – und diese mit den zwei weiteren Zielen Nachhaltigkeit und Finanzierbarkeit bestmöglich in Einklang zu bringen. Das zählt zu unseren Hauptaufgaben als Unternehmensführung. Dabei gilt es, die Balance zwischen Mitspracherechten und Rahmenbedingungen der Politik einerseits und unternehmerischer Freiheit andererseits zu halten. Wichtig ist zudem, ein Bewusstsein zu haben, wie man im Versorgungsbereich – sprich im Service Public – tätig ist und wie mit Dienstleistungen und Produkten im freien Markt, da gelten andere Spielregeln. Dass das Unternehmen dabei mehrdimensional nach unterschiedlichen Zielen ausgerichtet ist, bringt zwar eine gewisse Komplexität, macht die Arbeit aber auch sehr spannend.

Wie erreichen Sie das?

Indem wir das klassische energiepolitische Dreieck mit Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Finanzierbarkeit zu einem Viereck ergänzen: mit der Zusammenarbeit als vierte Ecke. Sie ist aus meiner Sicht für die erfolgreiche Energiewende entscheidend: Als EVU funktioniert vieles nur durch die Zusammenarbeit mit Partnern. Das beginnt damit, dass unsere Netze mit den Netzen anderer Betreiber verbunden sind. Zu unseren Partnern zähle ich genauso Branchenorganisationen, die Politik und vor allem die Bevölkerung. Ihre Unterstützung benötigen wir ganz besonders, um unsere geplanten Bauvorhaben umzusetzen. Allein in den Fernwärmeausbau in der Stadt Bern investieren wir eine halbe Milliarde Franken. Ein solches Grossprojekt stemmen wir nur mit einer guten Zusammenarbeit.

Welchen Nutzen bietet Ihnen die Zusammenarbeit im Rahmen von Swisspower?

Swisspower bietet uns als Branchenvertreter der Schweizer Stadtwerke eine Plattform beim politischen Lobbying auf Bundesebene und versorgt uns mit Grundlagen respektive Positionen für das Lobbying auf Stufe Kanton und Stadt. Es ist eine wichtige und sehr wertvolle Aufgabe von Swisspower, damit gute Rahmenbedingungen für uns als EVU zu schaffen. Dazu gehört zum Beispiel auch die zukunftsgerichtete Entwicklung von Weiterbildungen in unserer Branche. Wir Stadtwerke sollten sehr gut untereinander vernetzt sein, in den politischen Prozessen einheitlich auftreten und etwa auch gegenüber den Medien in übergeordneten Themen möglichst mit einer Stimme sprechen. Dann erzielen wir Wirkung und Geschwindigkeit. Dies immer im Bewusstsein, dass wir teilweise sehr unterschiedliche Unternehmen mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen sind, was punktuell auch zu unterschiedlichen Haltungen führt. Zusätzlich sehe ich Swisspower als wichtige Plattform für die Vernetzung und den Austausch unter den EVU sowie für ausgewählte gemeinsame Vorhaben. Aus meiner Sicht müssen daran nicht immer alle Aktionäre beteiligt sein, aber Swisspower bietet eine Austauschplattform dafür. Manchmal ist es der erfolgreichere Weg, ein Projekt gezielt mit wenigen Partnern zu starten und dafür schneller zu sein – und später weitere interessierte Unternehmen zu involvieren.

Was erwarten Sie von Swisspower? Oder anders gefragt: Wann sind Sie zufrieden mit der Arbeit von Swisspower?

Wenn man Swisspower als starke Branchenstimme wahrnimmt, die uns bei Anliegen vertritt, in die wir nicht direkt involviert sind – besonders auf Bundesebene. Weiter erwarte ich, dass sich Swisspower proaktiv einbringt, um die Energiewende zu beschleunigen. Und zwar mit Fokus auf die Inhalte und die beabsichtigte Wirkung statt auf den politischen Prozess.